Grußworte » 1904 » 1925 » 1938 » 1942/43 » 1949/50 » 1951 ... » heute

Schon vor 50 Jahren, unter Herbert Will, waren die Unterrichtsstunden im Bezirksschülergarten weit mehr als nur Naturkunde am blühenden Objekt.
Natürlich bezog Herbert Will die Pflanzen in ihrem natürlichen Zyklus in seinen Unterricht mit ein. Er war begeisterter Hobby-Botaniker und selber fasziniert von der Schönheit und Komplexität der Pflanzenwelt.
Er wusste, was er den Kindern vermitteln wollte. Das alleine aber macht noch keinen guten Pädagogen aus einem Lehrer. Herbert Will vermochte es, seine Begeisterung weiterzugeben an die Kinder, so dass deren Neugierde geweckt wurde. Sein Motto lautete: „Säen und Sehen lernen“ .
Natürlich kann man als Lehrer die Kinder im Schulgarten auch sich selbst überlassen - „zum selbst entdecken“. Aber wie können Schüler schauen, beobachten lernen, wenn niemand ihnen zeigt, auf was es ankommt? Um wie viel mehr kann einer Schauen, Staunen, Verstehen und sich am Gesehenen freuen, der um Zusammenhänge weiß? - Und wer könnte das besser vermitteln als einer, der selber ein Staunender ist?
Jäten und gießen macht nur den halben Gärtner, das zeigte sich im Unterricht im Schulgarten. Oft trugen die pädagogischen Kniffe erst spät Früchte. Aber welcher Lehrer wäre nicht stolz, wenn er einen seiner ehemaligen Schüler 50 Jahre später sagen hört: „Durch ihn habe ich gelernt, Respekt vor der Natur zu haben!“
Vor fünfzig Jahren, wenige Jahre nach Kriegsende, als die Menschen ganz andere, existenziellere Sorgen hatten, war es keineswegs selbstverständlich, dass ein Lehrer die Sinne seiner Schüler ansprach, dass er sie riechen und schmecken lehrte.
Heute  ist das schon eher normal; dieser pädagogische Ansatz ist längst nicht mehr so revolutionär, wie noch vor einem halben Jahrhundert.
Das heißt aber keineswegs, dass diese Form des Lernens und Lehrens damit an Wert verloren hätte. Ganz im Gegenteil:
Je lauter und schriller die alltäglichen Umwelteindrücke sind, die auf die Kinder einwirken, um so wichtiger werden die elementaren Wahrnehmungen. Den eigenen Augen, der eigenen Nase vertrauen lernen - damit schafft sich ein junger Mensch ein Stück Sicherheit.
Darum ist es nur eine logische Folge, eine Kontinuität der Notwendigkeit, wenn auch heute in der Gartenarbeitsschule die Sinne der Kinder angesprochen werden. Farben nicht aus der Tube, sondern von selbst gezüchteten Pflanzen; Tee nicht aus dem Teebeutel, sondern mit duftenden, selbst gepflückten und getrockneten Kräutern zubereitet: solche Sinnes-Erfahrungen sind der Weg zum Herzen und damit zum Verstehen.
Gerade in der Großstadt ist es wichtig, dass Kinder spüren, erfahren, erleben, dass wir nur in Verbindung mit der Natur existieren, überleben können. Diesen ganzheitlichen Ansatz zu vermitteln ist das Ziel der  Arbeit mit den Kindern in der Gartenarbeitsschule.

 

zurück 

Seitenanfang

  weiter