

Schon vor 50 Jahren, unter Herbert
Will, waren die Unterrichtsstunden im Bezirksschülergarten
weit mehr als nur Naturkunde am blühenden Objekt.
Natürlich bezog Herbert Will die Pflanzen
in ihrem natürlichen Zyklus in seinen Unterricht
mit ein. Er war begeisterter Hobby-Botaniker und selber
fasziniert von der Schönheit und Komplexität
der Pflanzenwelt. Er wusste, was er den Kindern
vermitteln wollte. Das alleine aber macht noch keinen
guten Pädagogen aus einem Lehrer. Herbert Will
vermochte es, seine Begeisterung weiterzugeben an die
Kinder, so dass deren Neugierde geweckt wurde.
Sein Motto lautete: „Säen und Sehen lernen“ .
Natürlich kann man als Lehrer die Kinder im Schulgarten
auch sich selbst überlassen - „zum selbst entdecken“.
Aber wie können Schüler schauen, beobachten
lernen, wenn niemand ihnen zeigt, auf was es ankommt?
Um wie viel mehr kann einer Schauen, Staunen, Verstehen
und sich am Gesehenen freuen, der um Zusammenhänge
weiß? - Und wer könnte das besser vermitteln
als einer, der selber ein Staunender ist? Jäten
und gießen macht nur den halben Gärtner,
das zeigte sich im Unterricht im Schulgarten. Oft trugen
die pädagogischen Kniffe erst spät Früchte.
Aber welcher Lehrer wäre nicht stolz, wenn er einen
seiner ehemaligen Schüler 50 Jahre später
sagen hört: „Durch ihn habe ich gelernt, Respekt
vor der Natur zu haben!“ Vor fünfzig Jahren,
wenige Jahre nach Kriegsende, als die Menschen ganz
andere, existenziellere Sorgen hatten, war es keineswegs
selbstverständlich, dass ein Lehrer die Sinne
seiner Schüler ansprach, dass er sie riechen
und schmecken lehrte. Heute ist das
schon eher normal; dieser pädagogische Ansatz ist
längst nicht mehr so revolutionär, wie noch
vor einem halben Jahrhundert. Das heißt aber
keineswegs, dass diese Form des Lernens und Lehrens
damit an Wert verloren hätte. Ganz im Gegenteil:
Je lauter und schriller die alltäglichen Umwelteindrücke
sind, die auf die Kinder einwirken, um so wichtiger
werden die elementaren Wahrnehmungen. Den eigenen Augen,
der eigenen Nase vertrauen lernen - damit schafft sich
ein junger Mensch ein Stück Sicherheit. Darum
ist es nur eine logische Folge, eine Kontinuität
der Notwendigkeit, wenn auch heute in der Gartenarbeitsschule
die Sinne der Kinder angesprochen werden. Farben nicht
aus der Tube, sondern von selbst gezüchteten Pflanzen;
Tee nicht aus dem Teebeutel, sondern mit duftenden,
selbst gepflückten und getrockneten Kräutern
zubereitet: solche Sinnes-Erfahrungen sind der Weg zum
Herzen und damit zum Verstehen. Gerade in der Großstadt
ist es wichtig, dass Kinder spüren, erfahren,
erleben, dass wir nur in Verbindung mit der Natur
existieren, überleben können. Diesen ganzheitlichen
Ansatz zu vermitteln ist das Ziel der Arbeit mit
den Kindern in der Gartenarbeitsschule.
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